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Frédéric Belser

DIE KONSTRUKTIV – KONKRETE KUNST

Kurz zusammengefasst zeichnet sich die klassische konstruktiv-konkrete Malerei durch folgende HAUPTMERKMALE aus:

  • Geometrische und geometrisierte Formfiguren und Strukturen

  • Tendenz ... Vorwiegend Farbauftrag ... Interaktion der Farbe durch direktes Aneinanderstossen der Farbtöne und dadurch Farbperspektive, auch illusionistische Effekte (z.B. Vasarely).

  • „Eventuell spielte die logisch-mathematische Denkweise eine wichtige Rolle (Max Bill). „Der Übergang von der Abstraktion zur konkreten Gestaltung hat neue Möglichkeiten für die künstlerische Entwicklung geschaffen“ (Richard Paul Lohse). Verena Loewensberg arbeitete zu dieser Zeit auch in Zürich.

Hier etwas Geschichte:
Hans Arp: Anlässlich seiner Ausstellung 1915 in der Galerie Tanner in Zürich schreibt er im Katalog: „Meine Arbeiten sind Bauten aus Linien, Flächen, Formen und Farben.“ An diesem Anlass lernt er Sophie Taeuber kennen, die noch radikaler als er selbst mit vertikal-horizontal geometrischen Flächenkompositionen beschäftigt ist.

Zusammen mit „Flächenkompositionen“, die Johannes Itten gleichzeitig und unabhängig in Stuttgart malt, stehen diese Werke für den Anfang der konstruktiven Kunst in der Schweiz.

Arp und Taeuber wirken gleichzeitig auch aktiv an der Zürcher Dada-Bewegung mit, die gemeinsam mit den Dichtern Hugo Ball, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck und dem Maler Marcel Janco im Februar 1916 im künstlerisch-literarisch motivierten Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse in Zürich ihren Anfang nimmt.

Sophie Taeuber wird 1916 als Lehrerin an die Kunstgewerbeschule in Zürich als Leiterin der Textilklasse berufen und befasst sich als Malerin weiterhin mit rein geometrischen Ordnungen: Rechteck, Viereck, Dreieck oder Kreis.
Schlüsselfigur und eigentliche Initiantin der Konstruktiven Kunst in Zürich, die ab jetzt autonome Züge trägt, ist Sophie Taeuber.
1918 taucht Francis Picabia in Zürich bei den Dadaisten auf. Seine zwischen 1915 und 1936 entstandenen dadaistischen Arbeiten nennt man „Période méchanique“.
1929 erzielte die Ausstellung in der Kunsthalle Basel grosse Wirkung mit Werken der „Bauhaus-Meister“: Albers, Feininger, Kandinsky, Klee und Schlemmer.
Im Katalog der Ausstellung 1936 im Kunsthaus Zürich mit dem Titel: „Zeitprobleme in der Schweizer Malerei und Plastik“ publiziert Max Bill seinen ersten Text „Konkrete Gestaltung“ als Aktualisierung des Manifestes 1930 von Theo van Doesburg zur „Art concret in der Schweizer Malerei und Plastik“. Er gab Anstoss zur 1937 erfolgten Gründung der „Allianz“ einer Vereinigung moderner Schweizer Künstler. Im Rahmen dieses Zusammenschlusses entstand die später als „Schweizer Konkrete“ bezeichnete Gruppe, die ihren Schwerpunkt in Allianz hatte (Margit Weinberg Staber). Heute gibt es in der ganzen Schweiz wichtige Gruppen, so auch in der Suisse Romande.
Georg Schmidt’s Schluss seiner Eröffnungsrede wird bis heute immer wieder zitiert: „Vom Betrachter verlangt diese Konkrete Konstruktive Kunst drei Dinge: stete Verfeinerung der Sinne, Heiterkeit des Gemütes und Wachheit des Geistes. Dem der willig ist, ihre Sprache zu lernen, gibt sie diese drei Dinge, die das Kostbarste sind, was wir haben können, mit Zinsen zurück“. Schmidt war bis zu seinem Tode 1954 als Architekt, Maler und Plastiker tätig.

Treibende Kraft innerhalb der „Allianz“ war von Beginn an Max Bill. Nach dem Bauhaus in Dessau, wo er zwischen 1927 und 1929 Albers, Kandinsky, Klee und Moholy-Nagy als Lehrer trifft, ist Bill (an der Kunstgewerbeschule Zürich zum Silberschmied ausgebildet) als Architekt, Maler und Plastiker tätig.

Im Sinne dieser universalen Auffassung der schöpferischen Aktivität, den Arbeiten als Ausstellungsgestalter, als Plakatgraphiker und Typograph, als Schmuckdesigner und Publizist ist er wahrlich ein Universalgenie oder anders gesagt „un uomo universale“ der italienischen Renaissance.
Seine Ausstellung von 1949: „Konkrete Zürcher Kunst“ wanderte durch ganz Deutschland. Bill sagt: „Die konkrete Kunst zählt etwas Wichtiges zu ihrer Eigenart - die Selbständigkeit!“

Die wachsende Berühmtheit der Bewegung ging auch auf die Publikationen des von Max Bill betreuten Allianz Verlages zurück.

Am 10. März 1987 wird das Haus Konstruktiv in Zürich Tiefenbrunnen, Seefeldstrasse 317, feierlich eröffnet. Dr. Willy Rotzler sagte in seiner Begrüssungsrede, dass hier ein Ort zur Pflege der konstruktiven Kunst entstanden ist. „Zürich ist der richtige Ort: wurde doch hier vor genau 50 Jahren, also 1937, die Gruppe „Allianz“ gegründet“.
Bei der Zürcher Stiftung für Konstruktive und Kreative Kunst amtete die Kunst­samm­lerin Dr. Ellen Ringier als Präsidentin des Stiftungsrates.
Erste Kuratorin war die Kunsthistorikerin Margit Weinberg Staber. Heute befindet sich das Museum Haus Konstruktiv an der Selnaustrasse 25, 8001 Zürich. www.hauskonstruktiv.ch

Das 10-jährige Jubiläum der Zürcher Stiftung für Konstruktive und Kreative Kunst wurde 1997 mit der grossartigen Jubiläumsausstellung mit Katalog „Abweichung und Regel“ von Margit Weinberg Staber und der auf sie folgenden zweiten Kuratorin Lucy Grossmann konzipiert und mit 71 Künstlerinnen und Künstlern realisiert. Am Beispiel Schweiz zeigte sie die zunehmende Öffnung und Neubewertung kon­struktiver Konzepte, die sich am neuen Domizil an der Selnaustrasse 25 fortsetzten.

Hans-Peter von Däniken schreibt im Tages Anzeiger vom 4. November 1997.
Die erste Generation der Zürcher Konkreten bestand aus: Max Bill (1908-1994), Richard Paul Lohse (1902-1994) Verena Loewensberg (1912-1986) und Camille Graeser (1892-1980) in Genf.
Die Nachfahren (weitere Generationen) unter anderem: Nelly Rudin,
Hansjörg Glattfelder, Rita Ernst, Alfred Auaer, Jakob Bill, Victor Vasarely,
Heinz Müller-Tosa, Pierre Haubensack, Willy Müller-Britnau, Carlo Vivarelli,
Gianfredo Camesi, Hans Hinterreiter etc. In Frankreich: Francois Morellet.
Heute spürt man international wieder verstärkte kreative Auseinandersetzung mit dem Ideengut des Konstruktiven in Malerei, Multimedia, Videokunst und Performances.

Die Konkrete Kunst ist ohne Zweifel die einzige Manifestation von Schweizer Kunst im 20. Jahrhundert, schreibt Serge Lemoine in seinem Buch „Dada Masters of Modern Art“ und weiter ... “Dada hat in Zürich ein Domizil eingerichtet, doch die Beteiligten kamen anderswo her ...“.


Literaturangaben:
  • Willy Rotzler: Konstruktive Konzepte (ABC Verlag)
  • Max Bill: Architekt, Designer, Bildhauer, Maler, Graphiker, Typograph. (Hatje Cantz)
  • Max Bill: Sicht der Dinge, Die gute Form (Lars Müller Publishers)
  • Konstruktive Kunst 1915-1945 Katalog (Kunstmuseum Winterthur)
  • Regel und Abwechslung Schweiz konstruktiv 1960-1997 (Vertrieb OZV)
  • Konkrete Kunst, Manifeste und Künstlertexte, zusammengestellt, herausgegeben und kommentiert von Margit Weinberg Staber.
  • Umschlagzitat von Theo van Doesburg „Sind auf einer Leinwand eine Frau, ein Baum oder eine Kuh etwa konkrete Elemente ?“ Hrsg. Margit Weinberg Staber, hauskonstruktiv.ch, Studienbuch1, Stiftung für konstruktive und konkrete Kunst Zürich.